Emetophobie bei Jugendlichen: Wie Eltern wirklich helfen können
- Tina Rüegg
- vor 4 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Emetophobie – die ausgeprägte Angst vor dem Erbrechen – begegnet mir in meiner Praxis immer häufiger, besonders bei Jugendlichen. Für Eltern ist diese Angst oft schwer einzuordnen: Sie wirkt irrational, massiv einschränkend und gleichzeitig kaum greifbar.
Dieser Artikel richtet sich bewusst an Eltern. Nicht, um Schuld zu verteilen – sondern um Zusammenhänge sichtbar zu machen, Verantwortung neu zu denken und Entwicklung zu ermöglichen.
Wenn Angst nicht im Magen entsteht
Emetophobie ist selten einfach die Angst vor dem Erbrechen selbst. In den meisten Fällen handelt es sich um eine tieferliegende Kontrollverlust-Angst. Der Körper wird dabei zum Fokus permanenter Beobachtung:
Ist mir übel?
Was, wenn ich mich übergeben muss?
Was, wenn ich die Kontrolle verliere?
Diese ständige innere Alarmbereitschaft führt zu Vermeidung, Rückzug und einem hohen inneren Stresslevel. Schule, Reisen, soziale Kontakte oder Übernachtungen werden zur Herausforderung.
Warum gerade heute so viele Jugendliche betroffen sind
Emetophobie ist kein Zufallsphänomen unserer Zeit. Sie entsteht oft im Zusammenspiel mehrerer Faktoren:
Überbehütung – gut gemeint, aber nicht immer hilfreich
Eltern handeln aus Liebe. Doch wenn Kinder dauerhaft vor Belastung, Unwohlsein oder unangenehmen Gefühlen geschützt werden, lernen sie unbewusst:
Ich schaffe das alleine nicht.
Gerade Einzelkinder erleben häufig eine sehr enge elterliche Begleitung. Was Sicherheit geben soll, kann jedoch die Entwicklung von Selbstvertrauen und innerer Stabilität bremsen.
Perfektionismus & Leistungsdruck
Viele betroffene Jugendliche wirken nach aussen angepasst, leistungsbereit und verantwortungsvoll. Der innere Anspruch, „alles im Griff haben zu müssen“, ist hoch. Körperliche Kontrollverluste – wie Übelkeit oder Erbrechen – werden deshalb als existenzielle Bedrohung erlebt.
Modelllernen: Angst wird unbewusst übernommen
Kinder lernen nicht durch Worte, sondern durch Beobachtung. Ein ängstlicher Umgang mit Krankheit, Hygiene oder Körperempfindungen im familiären Umfeld kann unbewusst übernommen werden – ohne dass dies jemand beabsichtigt.
Vermeidung verstärkt Angst
Kurzfristig entlastend – langfristig problematisch: Wird ein Kind bei jeder Angst sofort aus der Situation genommen (z. B. aus der Schule), lernt das Nervensystem:
Vermeidung = Sicherheit.
So wird die Angst nicht kleiner, sondern stabilisiert.
Eine Welt im Kontrollverlust
Pandemie, Krisen, Unsicherheit, Social Media – Jugendliche wachsen in einer Welt auf, die sich wenig verlässlich anfühlt. Der Körper wird dabei oft als letzter vermeintlich kontrollierbarer Bereich erlebt.
Was Eltern oft unbewusst tragen
Viele Eltern von Jugendlichen mit Emetophobie sind selbst stark präsent, mitfühlend und engagiert. Gleichzeitig stehen sie innerlich unter Druck:
Ich will mein Kind schützen.
Ich darf nichts falsch machen.
Was, wenn es schlimmer wird?
Diese innere Anspannung überträgt sich – nicht aus Absicht, sondern aus Verbundenheit.
Autonomie statt Kontrolle – ein Perspektivwechsel
Heilung beginnt selten dort, wo Angst vermieden wird. Sie beginnt dort, wo innere Sicherheit wachsen darf.
Das bedeutet für Eltern:
Gefühle aushalten statt sofort lösen
Zutrauen statt dauernd absichern
Begleiten statt kontrollieren
Entwicklung zulassen statt Perfektion anstreben
Loslassen ist kein Rückzug. Es ist ein aktiver, mutiger Schritt.
Mein therapeutischer Ansatz
In meiner Arbeit mit Jugendlichen und ihren Eltern steht nicht die Angst im Mittelpunkt, sondern das Nervensystem, die Körperwahrnehmung und innere Schutzmechanismen.
Ich arbeite unter anderem mit:
innerer Arbeit (z. B. über Metaphern und innere Anteile)
Förderung von Selbstwahrnehmung und Autonomie
Ziel ist nicht, Angst zu bekämpfen – sondern dem Körper neue Erfahrungen von Sicherheit, Vertrauen und Selbstwirksamkeit zu ermöglichen.
Eine Einladung an Eltern
Emetophobie ist kein Zeichen von Schwäche – weder bei Jugendlichen noch bei Eltern. Sie ist ein Ausdruck eines Systems, das aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Veränderung ist möglich.
Nicht durch mehr Kontrolle – sondern durch Beziehung, Vertrauen und Entwicklung.
Wenn Sie Ihr Kind auf diesem Weg begleiten möchten und Unterstützung wünschen, bin ich gerne für Sie da.
Herzlich
Tina Rüegg - Pure Inside
Hypnosetherapeutin | Coach Positive Psychologie | Coach Autogenes Training | NLP Master

